Wed. - 10.03.2010 - 14:30

EXKLUSIV - 2. Februar 2010

Pflege-TÜV auf dem Prüfstand

pflege  Pflege TÜV auf dem PrüfstandLange war der Pflege-TÜV gefordert worden. Jetzt ist die Bewertung und Benotung der Altenheime einschließlich Veröffentlichung der Ergebnisse da - und schon hagelt es Proteste. Einige Heimbetreiber ziehen vor Gericht.

Kaum verwunderlich, geht es doch bei schlechter Beurteilung um die wirtschaftliche Existenz. Aber auch die Prüfer selbst und Interessenverbände der Heimbewohner sehen Verbesserungsbedarf.

Wie erkenne ich ein gutes Pflegeheim. Diese Frage stellen sich immer mehr Ältere und ihre Angehörigen. Die Politik wollte helfen und hat den sogenannten Pflege-Tüv eingeführt. Die Prüfungen, die der medizinische Dienst regelmäßig in den Heimen durchführt, werden seit einem halben Jahr in Schulnoten umgerechnet und veröffentlicht.

Das Ziel: Jeder soll auf Anhieb erkennen, wie gut das einzelne Haus bei der Pflege, der Unterbringung oder der medizinischen Versorgung ist. Doch kaum sind die ersten Noten im internet nachzulesen, hagelt es Kritik von vielen Seiten.

Das Marienheim in Essen. Zeit und Zuwendung: Auch hier sind Bewohner darauf besonders angewiesen. Neuerdings wird das benotet. Das gilt auch für das Essen und die Pflege. Die Prüfer des medizinischen Dienstes haben das Heim geprüft. Im Internet werden die Ergebnisse veröffentlicht. So will es das neue Transparenzgesetz. Der Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann findet das gilt:

“Ich glaube schon, dass man an den Noten was sehen kann: Ist das eine Einrichtung, die sich in einer guten Qualität befindet. Man Muss sich natürlich die Einzelnoten angucken, dann ist das eine gute Orientierung.”

Doch was ist ein gutes Heim? Ein wichtiges Kriterium: Die Wohnsituation. Große und helle Zimmer und die Möglichkeit, diese selbst einzurichten, bringen gute Noten. Ein anderer Maßstab: Wird die Wäsche regelmäßig gewechselt und sachgemäß gelagert. Auch das gibt Pluspunkte.

Nach ganz anderen Kriterien werden medizinische Versorgung und Pflege geprüft. Hier geht es nicht nach Augenschein, sondern nach Aktenlage. Entscheidend ist, daß die Versorgung der Bewohner penibel dokumentiert wird. Je lückenloser die Buchführung, desto besser die Note: Bürokratischer Unsinn, kritisieren die Pfleger.

Elisabeth Biemann, Wohnbereichsleiterin: “Wenn der MDK kommt und diese Dinge nicht vorliegen, interessiert der Bewohner gar nicht. Wenn das nicht vorliegt, kriegen wir eine schlechte Note und der Bewohner kann blendend aussehen. Das interessiert überhaupt nicht.”

Diese Kritik kann der medizinisch Dienst sogar nachvollziehen. Früher standen die Menschen im Mittelpunkt ihrer Beurteilung. Doch das neue Gesetz mit seinen neuen Vorschriften läßt wenig Spielraum. Der sei vermeintlicher Transparenz geopfert worden.

Friedrich Schwegler, MDK Nordrhein: “Das war eine sehr viel individuellere Beurteilung und ist eigentlich der Qualität in der Einrichtung sehr viel näher gekommen. Diese Möglichkeit ist uns jetzt durch die Transparenzvereinbarung genommen worden.”

Transparenz, die eigentlich helfen soll, das passende Heim für sich oder seine Angehörigen zu finden. Doch weder die Verbraucherzentrale noch der Verband der Altenheimbewohner halten das neue Notensystem für hilfreich:

Werner Schell, Pflegeselbsthilfeverband NRW: “Die jetzigen Noten bringen für den Otto-Normalsucher gar nichts. Die sind viel zu kompliziert mit Unternoten und Stelle hinter dem Komma. Sie sind fragwürdig. Man muß dann doch weiter recherchieren und gucken. Das kann der Suchende nicht leisten.”

Kein Wunder, dass sich die Heime wehren. Zahlreiche Klagen sind anhängig. Das Sozialgericht Münster hat jetzt in einem Fall die Veröffentlichung untersagt. Begründung: Zweifelhafte Prüfergebisse. Auch deshalb fordern die Wohlfahrtsverbände, das System zu überarbeiten.

Andreas Meiwes: “Derzeit ist das System mit heißer Nadel gestrickt und wir erwarten von der Politik, dass da objektivierbarere Kriterien erstellt werden und dass Expertengespräch geführt werden können mit dem Ziel, dass auch mal von der Standardpflege abgewichen werden kann, wenn es zum Wohl des Bewohners ist.”

Von wirklicher Transparenz bei der Heimqualität ist das neue Notensystem noch ein gutes Stück entfernt. Das räumt auch der Gesundheitsminister ein.

Karl-Josef Laumann, CDU, Gesundheitsminister NRW: “Ich bin bereit, das System zu verbessern. Aber ein Zurück, dass wir nicht mehr veröffentlichen, kann es nicht geben.”

Der Streit um die Pflegenoten bewirkt das Gegenteil von dem, was erreicht werden sollte. Statt Transparenz herrscht Unsicherheit. Und wer ein Heim für sich oder seine Angehörigen sucht, kann das am wenigsten gebrauchen./WDR,1-10

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